Literarische Ernte von der Höri
- 19 Okt 2026
- Klaus Huber

Kaum angekommen, schon daheim. So beginnt jede Reise an die Höri für Klaus Huber. Der Ort empfängt ihn wie ein alter Freund – und die Angst vor dem Abschied ist schon am ersten Abend da:
Urlaubs-Heimat
Im Quartier erst angekommen,
fühlen wir uns aufgenommen
und genießen wieder Bilder,
die beseelter und erfüllter
machen, um dort neu zu streifen,
wobei wir beglückt begreifen,
dass wir immer neu auf Erden
an den Orten heimisch werden,
die uns jedes mal beschenken
und uns weg vom Alltag lenken.
Bange macht uns schon die Frist,
wenn die Zeit zu Ende ist.
Der erste Tag bringt graue Wolken. Kein Bilderbuch-Bodensee. Aber genau das lehrt etwas:
Graue Tage
Leben – auch mit grauen Tagen –
müssen wir zuzeiten wagen.
Kann dies Sonne nicht ersetzen
– man lernt diese nun erst schätzen.
Solche Zeiten durchzuhalten
und was möglich ist, entfalten
lässt im Leben uns nur reifen,
um die Chance zu begreifen,
selbst aus uns scheinbaren Sachen
Bestes für uns selbst zu machen.
Für Hermann Hesse war Gaienhofen eine Episode – sieben Jahre, dann zog er weiter. Für Klaus Huber ist es mehr. Eine Quelle, die nicht versiegt. Ein Ort, an dem aus Gedanken Texte werden:
Gewichtung
Gaienhofen war im Grunde
Hesse einst zu jener Stunde
Ort des Schaffens, Episode.
Für mich mehr als Periode,
wird der Ort mir reiche Quelle,
statt Alltag zu jener Stelle,
wo neue Gedanken sprießen,
hieraus neue Texte fließen,
die sich hernach auch bewähren,
mich das wahre Leben lehren,
was im Laufe meines Lebens
wesentlich war nicht vergebens,
um neu Lebensmut zu finden
und in diesem Ziel zu münden.
Wer Klaus Hubers Gedichte kennt, weiß: Die besten entstehen nachts. Wenn die Welt schläft, wacht die Seele. Und in Gaienhofen, am See, brennt dieses Nachtfeuer besonders hell:
Selige Schlaflosigkeit
Was mich bislang schlaflos macht,
ist der Flair der stillen Nacht,
wenn mich nichts im Schaffen stört
und die Seele nichts entbehrt.
Danach fordert mich der Tag,
wo ich nimm', was kommen mag.
In der Nacht erwächst die Kraft,
die – erneut gestärkt – das schafft,
was von mir gefordert wird,
mich hin zu Genugtuung führt.
Und dann der Morgen danach. Licht auf dem See. Hoffnung, die siegt:
Früher Morgen am See
Morgenlicht glitzert im See.
Sonne erstrahlt aus der Höh',
dringt durch lichtes Wolkenband,
scheint versöhnlich über's Land,
das in Morgenträumen liegt.
Vage Lebenshoffnung siegt
über Ungewissheit nun
und ermutigt mich zum Tun,
wozu es die Seele drängt,
nicht durch Zagen eingeengt.
Wer reist, gewinnt Distanz. Und wer Distanz gewinnt, traut sich plötzlich Dinge, die im Alltag untergehen: den eigenen Stil formen, statt Normen zu bejahen. Ein Gedicht über den Mut zum Eigensinn:
Abstands-Erlebnis
Mit Abstand zu Alltags-Tagen
wächst der Mut, es neu zu wagen,
sich Erfahrungen zu stellen,
die, bestätigend, erhellen,
dass wir doch oft richtig liegen,
wenn wir jenen Drang besiegen,
zu bejahen alle Normen,
anstatt seinen Stil zu formen,
um unserem Rest an Leben
eigene Gestalt zu geben.
Hierbei wird mir neu bewusst,
wo du – reifend – enden musst.
Gaienhofen ist ein Ritual. Eine Wallfahrt, die sich lohnt, weil man jedes Mal neue Sichten findet – und neue Menschen, die denselben Weg gehen:
Rituale
Es gibt im Leben Rituale,
die pflegen wir zum ixten Male
und finden doch noch neue Sichten,
die – wiederholend – uns verpflichten,
geliebte Orte aufzusuchen,
um neu Erfahrungen zu buchen.
Wir pflegen sie, solang wir können,
um uns jenen Genuss zu gönnen,
dass wir dort neu Menschen sehen,
die mit uns ihre Wege gehen.
Und was bleibt, wenn die Dichter längst gegangen sind? Ihr Werk. Ihre Lehren. Ihr Nachhall – der auch die Nachfolgenden zum Glühen bringt:
Nachhall
Was berühmte Dichter machten,
im Leben zur Devise machten,
hallt danach ihnen bis heute weiter,
wird uns als wertvoller Begleiter
mit den zeitlos wahren Lehren,
um nun selbst davon zu zehren.
Es lohnt, für einstiges Mühen
nachfolgend auch selbst zu glühen.
Die kürzesten Gedichte sagen manchmal am meisten. Sechs Zeilen über die Rückkehr – und die Erkenntnis, dass der Zauber in der Distanz liegt:
Gestärkte Rückkehr
Gerne kehren wir zurück
von zurückliegendem Glück,
fühlen wir nun neue Kraft,
die danach den Alltag schafft.
Bergen Fernen noch so Glanz
– Zauber gebärt die Distanz.
Und dann der Moment, den jeder kennt, der einmal einen Ort geliebt hat: der Abschied. Nicht endgültig – aber schmerzhaft genug, um die Hoffnung auf Wiederkehr sofort keimen zu lassen:
Abschieds-Wehen
Ein Ort, von dem wir ungern gehen,
beschert uns nun mit Abschieds-Wehen,
wenn wir zwar auch beseligt scheiden,
keimt Hoffnung schon, dass wir nach Zeiten
der Trennung uns erneut bescheren,
gelassen uns Genießen lehren,
zu kosten wieder jede Stunde,
wodurch die Seele dann gesunde.
Nachtrag · Zurück in Achern
Zurück im Schreibgiebel in Achern, klingen die Tage an der Höri nach. Zwei weitere Gedichte entstehen – nicht mehr vom See, sondern aus der Rückschau. Über die Haltung, das eigene Profil zu leben. Und über die Klugheit, zur rechten Zeit loszulassen:
Wichtige Haltung
Wichtig in dem Lebensstil
ist das eigene Profil,
das nicht stetig danach fragt,
ob es anderen behagt.
Wer so seine Wege fand,
geht befreit fort durch das Land,
indem er zu allem steht,
was ihm sehr zu Herzen geht.
Er darf nicht nach andern schau'n,
sondern sollte es sich trau'n,
das zu leben, was er denkt,
Ermutigung den andern schenkt.
Klinken andere sich ein,
geht er Wege nicht allein,
gibt als Beispiel andern viel
für des Lebens hohes Ziel.
Und zum Schluss – das leiseste Gedicht dieser Sammlung. Zehn Zeilen über das Loslassen. Über die Klugheit, Lasten abzugeben, bevor sie zur Bürde werden. Und über die Hoffnung, dass jemand die Lücke füllt:
Vernünftige Überlegung
Trenne dich von mancher Last,
die du lang getragen hast,
und befreie dich von dem,
was statt Freude nun Problem.
Hörst du auf zu rechter Zeit,
– vielleicht ist jemand bereit,
das als Nachfolger zu tun,
statt nur tatenlos zu ruh'n,
sodass er die Lücke füllt
und die Not von andern stillt.
Zwölf Gedichte, ein Wochenende, ein ganzer Lebensbogen. Vom Ankommen über die schlaflose Nacht bis zum Abschied und der leisen Frage nach dem, was bleibt. Die Hesse-Tage haben Klaus Huber einmal mehr inspiriert – und bewiesen: Die Ernte wird nicht weniger, sie wird reifer.
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